Die Klimasensitivität der Erde
Auf halber Höhe des Ringbergs am Tegernsee liegt eine Burganlage, die von der Max-Planck-Gesellschaft als Tagungsstätte genutzt wird – ein kontemplativer Ort, wohin Forschende sich zum gemeinsamen Denken und Diskutieren zurückzuziehen. Eine Frage, die hier bereits mehrfach erörtert wurde, ist die nach dem Ausmaß der menschengemachten Erderwärmung. So versammelten sich im März 2015 auf Schloss Ringberg 33 Wissenschaftler*innen, um sich auf die Suche nach einer Antwort zu begeben. Sie waren der Einladung von Bjorn Stevens, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M), und Sandrine Bony vom Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) gefolgt, die gemeinsam eine neue Initiative des Weltforschungsprogramms WCRP leiteten.
In einem stabilen Klima wird die Energie der sichtbaren Strahlung, die die Erde von der Sonne empfängt, durch die Energie der Wärmestrahlung ausgeglichen, die die Erde ins All zurückstrahlt. Aktuell wird dieses Gleichgewicht durch menschengemachte Emissionen von Kohlendioxid (CO2) gestört: CO2 hemmt die Fähigkeit der Erde, Wärmeenergie abzustrahlen. Um dieses Hemmnis zu überwinden und so das Strahlungsgleichgewicht wiederherzustellen, erwärmt sich die Erdoberfläche. Wie stark diese Erwärmung ist, hängt nicht nur von der Höhe der Emissionen ab, sondern auch von der Reaktion des Planeten darauf. Ein Maß für letzteres ist die sogenannte Klimasensitivität. Sie wird in Form unterschiedlicher Kenngrößen erfasst (siehe Tabelle).
| Equilibrium Climate Sensitivity (ECS) | Langfristiger Temperaturanstieg nach einer instantanen Verdopplung des CO2-Gehalts bei Erreichen des Gleichgewichts |
| Effective Climate Sensitivity (EffCS) | Näherungswert aus Beobachtungsdaten oder Modellen, basiert auf der Energiebilanz für einen bestimmten Zeitraum (z. B. jüngste Jahrzehnte), der kürzer ist als zum Erreichen des Gleichgewichts notwendig. Kann sich mit dem räumlichen Erwärmungsmuster ändern. |
| Transient Climate Sensitivity (TCR) | Temperaturanstieg (°C) zum Zeitpunkt der CO2‑Verdopplung in einem idealisierten Szenario mit 1 % CO2‑Zuwachs pro Jahr (Verdopplung tritt nach ca. 70 Jahren ein). Wert ist deutlich niedriger als ECS oder EffCS. |
| Transient climate response to cumulative emissions (TCRE) | Temperaturanstieg pro 1000 Gigatonnen kumulativer CO2-Emissionen. |
Viele Forschende nutzen aufgrund von deren Einfachheit die Gleichgewichts-Klimasensitivität (Equilibrium Climate Sensitivity, ECS). Sie ist definiert als die Antwort auf folgendes Gedankenexperiment: Um wieviel Grad würde die globale Mitteltemperatur steigen, um eine Verdopplung des Kohlendioxid-Gehalts der Atmosphäre auszugleichen, unter der Annahme, dass die großen Eisschilde und vergleichbar langsame Prozesse unbeeinflusst bleiben?
Der Wert der ECS ergibt sich aus dem Verhältnis von Strahlungsantrieb (Forcing) und Antwort des Klimasystems, oft „Feedback“ genannt. Bei einem bekannten Strahlungsantrieb, hier von CO2, muss also letztlich das Feedback ermittelt werden, um den Temperaturanstieg beziehungsweise die ECS zu bestimmen. Ist das Feedback stark negativ, so reicht eine geringe Erwärmung aus, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Ist es schwach negativ, steigt die Temperatur stärker an. Wäre es positiv, dann wäre das System instabil, und der Planet würde sich unkontrollierbar erwärmen.
Wäre die Erde ein idealer Körper ohne Atmosphäre, so wäre das Feedback leicht zu berechnen (Schwarzkörperstrahlung). Die Antwort der Erde wird allerdings noch moduliert durch die Eigenheiten der Atmosphäre. Dabei spielen zum Beispiel Wasserdampf, das Rückstrahlvermögen des Planeten (Albedo) und Wolken eine Rolle. Zudem erwärmt sich die Erde nicht überall gleich stark, sondern es bildet sich ein bestimmtes Erwärmungsmuster aus. Auch dieses beeinflusst die Klimasensitivität – ein Effekt, den Bjorn Stevens und andere als „Mustereffekt“ bezeichnen (siehe Kasten).
Mustereffekt
Der Mustereffekt bezeichnet die Abhängigkeit der Klimasensitivität vom geografischen Muster der Erwärmung. Dieses kann sich mit der Zeit verändern und zieht dann auch Veränderungen der Klimasensitivität nach sich. Deshalb lassen sich Beobachtungen im Hinblick auf die Klimasensitivität nur dann korrekt interpretieren, wenn der Mustereffekt verstanden ist. Die Abteilung von MPI-M-Direktorin Sarah Kang untersucht daher das Temperaturmuster im tropischen Pazifik und warum es in konventionellen Modellen nicht korrekt wiedergegeben wird.
Wie die Klimasensitivität ermittelt wird
Der erste berühmte Versuch, die ECS zu bestimmen, geht auf Svante Arrhenius zurück. Er berechnete Ende des 19. Jahrhunderts den Temperaturanstieg infolge eines Anstiegs von CO2. In einer im Jahr 1967 veröffentlichten Studie berechneten Syukuro Manabe und Richard Wetherald die ECS anhand eines einfachen Modells der tropischen Atmosphäre. Später wurde der Wert auch aus dreidimensionalen Zirkulationsmodellen der Atmosphäre ermittelt. Im Jahr 1979 erarbeitete eine Gruppe unter dem Vorsitz des Meteorologen Jules Charney für die amerikanische National Academy of Sciences einen Bericht zur Wirkung von Kohlendioxid auf das Klima, der für die ECS einen Wert von 3°C und eine Unsicherheit von 1,5°C angab. In den folgenden 40 Jahren schätzten weitere Studien die ECS mithilfe von Beobachtungen der jüngeren und Rekonstruktionen der fernen Vergangenheit sowie mithilfe von komplexen Erdsystemmodellen ab. An der im Charney-Bericht angegebenen Spanne änderte sich dadurch zunächst jedoch nichts.
Auf Schloss Ringberg diskutierten die 33 Wissenschaftler*innen im März 2015, wie sich der Bereich von 1,5°C bis 4,5°C weiter eingrenzen ließe. Sie teilten in Vorträgen ihre Zwischenergebnisse, stellten einander kritische Fragen, diskutierten Lösungsansätze und strukturierten die Gedanken auf einer Kreidetafel. Sie verfolgten einen völlig neuen Ansatz zur Lösung des Problems: Statt neue Werte für die ECS ins Rennen zu schicken, überprüften sie die bestehenden, auf Modellen, Beobachtungen und Theorie basierenden Schätzungen systematisch – beginnend bei den extremen Randwerten. Um deren Plausibilität zu bewerten, fragten sie nicht, welche Werte die Evidenz erlaubt, sondern welche sie ausschließt. In einer 2016 veröffentlichten Studie stellten Bjorn Stevens und Koautor*innen den neuen Ansatz vor: Welche Werte für die ECS scheinen noch plausibel, wenn man verschiedene Beweisketten in Betracht zieht? Vor allem sehr niedrige, aber auch sehr hohe Randwerte ließen sich mit dieser Methode verwerfen. Darauf aufbauend und diesen Ansatz systematisierend, brachte Steven Sherwood breite Expertise zusammen, um eine formale Bewertung vorzunehmen, welche im Jahr 2020 veröffentlicht wurde. Deren Ergebnis integrierte daraufhin auch der Weltklimarat IPCC in seinen 2021 erschienenen sechsten Sachstandsbericht und gab eine Spanne für die ECS von 2,5°C bis 4°C an. Damit wurde zum ersten Mal seit dem ursprünglichen Charney-Bericht die Unsicherheit bei den Schätzungen der ECS deutlich verringert.
Offene Fragen
So markierte das Treffen auf Schloss Ringberg einen wichtigen Wendepunkt – das Eingrenzen des wahrscheinlichen Bereichs der ECS war ein großer Erfolg für die Klimaforschung. Dennoch unterstreicht die nach wie vor recht große Spannbreite, dass hinter dem scheinbar einfachen Konzept der Klimasensitivität ein komplexes Problem steckt. Viele Aspekte dieses Problems werden am MPI-M bearbeitet. Forschende untersuchen sowohl die Antwort des Planeten in Abwesenheit von Wolken als auch Wolken-Feedbacks, die nach wie vor große Unsicherheiten verursachen. Hinzu kommt die Untersuchung des für den Mustereffekt relevanten Temperaturmusters im tropischen Pazifik. Die Werkzeuge, um diese Dinge zu untersuchen, umfassen Theorie, einfache, idealisierte Modelle, Erdsystemmodelle und Beobachtungen.
Beispielsweise entwickelten Lukas Kluft und Sally Dacie (jetzt am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) gemeinsam ein eindimensionales Modell zur Untersuchung des Strahlungsgleichgewichts ähnlich dem von Manabe und Wetherald, aber mit modernen Mitteln. Der Name, „Konrad“, ist aus den zwei wesentlichen Prozessen in diesem Modell zusammengesetzt: Konvektion und Strahlung (engl. Radiation). Mit diesem Modell konnten Kluft und andere die Ergebnisse der einflussreichen Studie von Manabe und Wetherald bestätigen. Darüber hinaus erlaubte Konrad aber auch, tiefer ins Detail zu gehen – beispielsweise bei der konvektiven Anpassung des vertikalen Temperaturprofils und mit Blick auf eine physikalisch exaktere, spektrale Darstellung des Strahlungstransfers. „Indem man die ECS bei unterschiedlichen Wellenlängen betrachtet, kann man Änderungen der ECS auf unterschiedliche physikalische Prozesse zurückführen – beispielsweise auf solche, die mit Wasserdampf zu tun haben“, erklärt Lukas Kluft.
Die Rolle von Wasserdampf
Wasserdampf ist ein starkes Treibhausgas und beeinflusst maßgeblich, wie effizient die Erde Wärme ins All abstrahlt. Kluft vergleicht dies mit einem Teich: Schwebstoffe trüben das Wasser und verhindern den Blick auf den Boden. Analog verhindert Wasserdampf den effektiven Blick aus dem Weltraum auf die Oberfläche – allerdings kommt es hierbei auf die Wellenlänge an. Nur bei einigen Wellenlängen reicht der Blick bis zum Boden, bei vielen anderen Wellenlängen verschiebt Wasserdampf den Blick von der warmen Erdoberfläche auf höhere, kältere Luftschichten. Anders gesagt: Wo die Luft trocken ist, kann die Erde effizienter abstrahlen; wo sie feucht ist, wird die Abstrahlung behindert. Damit hat Wasserdampf einen maßgeblichen Einfluss auf die Klimasensitivität, die sich eigentlich nur verstehen lässt, wenn man das ganze Spektrum der Wärmestrahlung betrachtet – etwas, das Stevens und Kluft als „farbenreichen Blick auf die Klimasensitivität“ bezeichnet haben.
Um von diesem farbenreichen Blick zu profitieren, müssen theoretische Abschätzungen der Klimasensitivität eine Annahme darüber machen, wie sich der Wasserdampf durch eine Erwärmung verändert. Als plausible Annahme, auf der auch die Studie von Manabe und Wetherald beruht, gilt die einer konstanten relativen Feuchte. Das bedeutet: Die Temperatur limitiert, wie viel Wasserdampf die Atmosphäre aufnimmt – je wärmer, desto mehr. Grundsätzlich erweist sich die Annahme der konstanten relativen Feuchte als sehr robust, zumindest verglichen mit der Alternative – der Annahme, dass die Gesamtmenge an Wasserdampf konstant bleibt. Das zeigen Messungen in den Tropen. Die MPI-M-Forschenden Helene Gloeckner, Bjorn Stevens und andere haben Daten der ORCESTRA-Messkampagne, die im Jahr 2024 im tropischen Atlantik stattfand und vom MPI-M koordiniert wurde, ausgewertet. Der Vergleich mit der GATE-Expedition, die 50 Jahre zuvor am gleichen Ort durchgeführt worden war, ergab: Die Temperatur ist wie erwartet gestiegen und auch die Zunahme von Wasserdampf in der Atmosphäre lässt sich bestätigen.
„Das zeigt, dass unsere theoretischen Annahmen grundsätzlich stimmen“, sagt Gloeckner. Trotzdem ist die Realität noch etwas komplizierter. Werden zum Beispiel voneinander abweichende Annahmen über die anfängliche vertikale Verteilung der relativen Feuchte getroffen, ergeben sich unterschiedliche Werte für die Klimasensitivität, wie eine weitere Studie mit dem Konrad-Modell von Stella Bourdin, Lukas Kluft und Bjorn Stevens zeigte. Überprüft man zudem die theoretischen Abschätzungen der Abstrahlung mithilfe von Beobachtungen, so zeigen sich ebenfalls kleine Abweichungen. So haben Helene Gloeckner, Lukas Kluft, Hauke Schmidt und Bjorn Stevens den langwelligen Feedback-Parameter bei wolkenfreiem Himmel (Engl. clear-sky long-wave feedback) mithilfe von Reanalyse-Daten, welche Beobachtungen und Wettermodelle kombinieren, berechnet. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass der berechnete Durchschnittswert für den langwelligen Rückkopplungsparameter bei wolkenlosem Himmel um 10 bis 20 Prozent niedriger (die Klimasensitivität also höher) liegt als für eine Atmosphäre mit konstanter relativer Luftfeuchte vorhergesagt. Den Wissenschaftler*innen zufolge ist es notwendig, die Feuchteschwankungen in der Atmosphäre weiter langfristig zu beobachten, um festzustellen, wie genau die Annahme konstanter relativer Feuchte tatsächlich ist.
Die große Unbekannte: Wolken
Das Feedback korrekt zu berechnen, ist also selbst für einen wolkenlosen Himmel herausfordernd, auch wenn die Wissenschaftler*innen hierbei bedeutende Fortschritte erzielt haben. Noch komplexer wird es, wenn Wolken ins Spiel kommen. „Wolken bleiben die große Unbekannte in der Klimaforschung“, sagt MPI-M-Gruppenleiter Hauke Schmidt. Dies hat damit zu tun, dass Wolken viele unterschiedliche Effekte haben können. Sie können das Feedback verstärken oder abschwächen, und sie können sowohl die solaren als auch die terrestrischen Energieflüsse verändern. Vor allem tief liegende Wolken reflektieren einfallende Sonnenstrahlung und kühlen so die Erde. In besonderem Maße trifft das über dem dunklen Ozean zu, etwa auf die Quellwolken (Kumuluswolken) in der Passatwindregion. Andererseits hindern Wolken Wärmestrahlung daran, in den Weltraum zu entweichen, was einen wärmenden Effekt hat. Dieser ist umso stärker, je größer die Temperaturdifferenz zwischen der Wolke und der Erdoberfläche ist. Daher kann dieser Effekt den Einfluss von Wolken auf die Sonneneinstrahlung bei hohen Wolken oder nachts bei allen Wolken dominieren. Änderungen der Ausdehnung oder der Helligkeit (also der Albedo), aber auch der Temperatur von Wolken könnten demnach das Wolken-Feedback und damit die Klimasensitivität beeinflussen. Darüber hinaus können Veränderungen der darunter liegenden Oberfläche die Interpretation der Auswirkungen von Wolkenveränderungen erschweren.
Um den Aspekt einer veränderten Wolkentemperatur zu isolieren, kam am MPI-M ein weiteres Mal Konrad zum Einsatz. Lukas Kluft und andere untersuchten den Strahlungseffekt von Wolken bei gleichbleibender Albedo. Zusätzlich nahmen sie an, dass mittlere und hohe Wolken in einer wärmeren Atmosphäre so weit aufsteigen, dass sie ihre ursprüngliche Temperatur beibehalten. Obwohl das Vorhandensein der Wolken – selbst bei gleichbleibender Temperatur – zu einer stärkeren Erwärmung am Boden führt, dämpfen die hohen Wolken gleichzeitig den Treibhauseffekt von Kohlendioxid. Diese beiden Effekte heben sich im Ergebnis weitgehend auf, sodass sich die Klimasensitivität insgesamt kaum verändert.
„Die eigentliche Unsicherheit bleibt, wie sich die Wolkenbedeckung ändert“, sagt Kluft. Hier galt lange die Sorge, dass die zahlreichen niedrigen Kumuluswolken in der Passatregion durch die Erwärmung der Erdoberfläche verschwinden könnten. Diese Sorge basierte auf Experimenten mit Klimamodellen, die nur eine statistische Darstellung von Wolkeneffekten enthalten. Genauer lautete die Hypothese, dass durch die Erwärmung mehr trockene Luft von oben in die tiefere Kumuluswolkenschicht gemischt wird, wodurch die Wolken austrocknen und weniger Strahlung reflektieren. Unter anderem diese Hypothese testeten Forschende im Januar und Februar 2020 bei der Feldkampagne EUREC4A, die vom MPI-M und dem CNRS der Sorbonne-Universität zu Paris geleitet wurde. Zum Einsatz kamen Forschungsschiffe, Flugzeuge, autonome und ferngesteuerte Plattformen sowie das vom MPI-M zusammen mit dem Caribbean Institute for Meteorology and Hydrology betriebene Barbados Cloud Observatory. Basierend auf den Daten konnte ein Forschungsteam, das von Raphaela Vogel von der Universität Hamburg geleitet wurde, die Hypothese einer „Austrocknung durch Durchmischung“ widerlegen. Die Wissenschaftler*innen, zu denen auch MPI-M-Forschende gehörten, unterstrichen die Bedeutung der Zirkulation mittlerer (Meso-)Skala, also der bis zu 200 Kilometer umfassenden Zirkulation, welche die Wolkenbildung unterstützt. Konventionelle Klimamodelle berücksichtigen diese Faktoren nicht und können sie nicht in ihre statistische Darstellung von Wolken einbeziehen. Dies führt dazu, dass die Reaktion der Passatwolken auf die globale Erwärmung falsch vorhergesagt wird.
Trotzdem ist dieses zentrale Ergebnis der EUREC4A-Kampagne nur eine teilweise Entwarnung. Es bedeutet nicht, dass die niedrigen Wolken nicht verschwinden – es bedeutet nur, dass sie nicht aus den Gründen verschwinden, welche die Klimamodelle nahelegen. Außerdem könnten andere Wolkentypen, welche in Modellen ebenfalls nicht genau dargestellt werden, eine Quelle der Veränderung sein. Eine Studie aus dem Jahr 2024, geleitet von Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung Bremerhaven, führte einen Teil des starken Temperaturanstiegs im Jahr 2023 auf eine Verringerung der Wolkenbedeckung zurück – vor allem in den mittleren Breiten der Nordhemisphäre und in den Tropen. Bjorn Stevens mutmaßt, dass dies auf Änderungen in der atmosphärischen Zirkulation zurückzuführen ist. Aber auch Veränderungen in den Sturmbahnen außerhalb der Tropen, denen bekannte Wintersturmsysteme folgen, könnten eine Rolle spielen.
Die Messkampagne ORCESTRA zielte unter anderem darauf ab, die tiefe Konvektion und mesoskalige Zirkulation im tropischen Regenband zu vermessen und zu verstehen. Eine weitere, für 2029 geplante Messkampagne, STACCATO, wird den Fokus auf die subtropischen Stratocumuluswolken legen. Neben Stevens wird Franziska Glassmeier in die Kampagne involviert sein. Sie leitet am MPI-M die unabhängige Lise-Meitner-Forschungsgruppe „Multiskalige Wolkenphysik“, die sich mit der Selbstorganisation von Wolken auf unterschiedlichen räumlichen Skalen befasst.
Komplexe Modelle
Da Wolken so komplex sind und sich die relevanten Prozesse von der Mikrometerskala bis auf die planetare Skala erstrecken, ist man bei konventionellen Klimamodellen gezwungen, sie von dem Zirkulationssystem, in dem sie entstehen, zu entkoppeln und ihre Bedeckung statistisch zu erfassen. Dazu müssen vereinfachende Annahmen über sie getroffen werden, die dann in Form von sogenannten Parametrisierungen in die Modelle einfließen. Modernste, hochaufgelöste Klimamodelle versprechen eine Möglichkeit, physikalisch besser fundiert an diese Fragestellungen heranzugehen. Ihr Rechengitter ist viel feiner als das konventioneller Modelle und erlaubt beispielsweise, das Zirkulationssystem, in dem eine Wolke entsteht, aufzulösen. „Wir haben die Hoffnung, dass wir, indem wir die Gitterweite unseres Modells auf unter einen Kilometer verkleinern, mehr über die Veränderung von Wolken im Zuge der globalen Erwärmung erfahren werden“, sagt Bjorn Stevens.
In einem früheren Projekt, HD(CP)2, hatten Stevens und andere gezeigt, dass viele Wolkensysteme in der Passatwindregion bei einer Skala von etwa 150 Metern gut dargestellt werden konnten. Das vom MPI-M geleitete Projekt WarmWorld, welches vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert wird, baut auf dieser Erkenntnis auf. Es erarbeitet aktuell globale Simulationen auf solch einer Skala. Außerdem, so Stevens, werde die weiter fortschreitende Erwärmung voraussichtlich Aufschluss über das Schicksal der Wolken und die Klimasensitivität liefern – vorausgesetzt, wichtige Beobachtungssysteme werden erhalten und weiterentwickelt. Um diese Beobachtungen erfolgreich interpretieren zu können, braucht jedoch auch weiterhin Fortschritte in der Theorie und Modellierung.
Die Welt verändert sich, und zwar sogar noch tiefgreifender, als viele Forschende erwartet hatten. Diese Veränderungen sind besonders ausgeprägt bei den Bausteinen der Klimasensitivität und rufen die Wissenschaftler*innen im März 2026 zurück nach Schloss Ringberg. Vom 16. bis 20. März erwartet Bjorn Stevens 42 Gäste, die Hypothesen zur Erklärung des wachsenden Strahlungsungleichgewichts am oberen Rand der Atmosphäre aufstellen und neue Forschungsprogramme entwickeln wollen, mit denen sie ihre Ideen testen können. Sie schließen sich der Initiative EUCLIDYAN unter der Leitung von Sarah Kang an, die zu Beginn desselben Monats im Schloss zu Gast sein wird. Hier wollen die Wissenschaftler*innen ein Forschungsprogramm zu einem anderen Aspekt des Problems entwickeln, nämlich dem Verständnis der rätselhaften dynamischen Veränderungen, die ebenfalls eine Rolle spielen und die Interpretation von Modellen und Messungen erschweren könnten.
Originalpublikationen
Bourdin, S., Kluft, L., & Stevens, B. (2021). Dependence of climate sensitivity on the given distribution of relative humidity. Geophysical Research Letters, DOI: 10.1029/2021GL092462
Gloeckner, H. M., Kluft, L., Schmidt, H., and Stevens, B. (2025). Estimates of the global clear-sky longwave radiative feedback strength from reanalysis data. Geophysical Research Letters,52, e2024GL113495. DOI: 10.1029/2024GL113495
Kluft, L., Dacie, S., Buehler, S. A., Schmidt, H., and Stevens, B. (2019): Re-Examining the First Climate Models: Climate Sensitivity of a Modern Radiative–Convective Equilibrium Model. J. Climate, 32, 8111–8125, DOI: 10.1175/JCLI-D-18-0774.1
Kluft, L., Stevens, B., Brath, M., and Buehler, S. A. A conceptual framework for understanding longwave cloud effects on climate sensitivity (2025). Atmospheric Chemistry and Physics, 25, 9075–9084. DOI: 10.5194/acp-25-9075-2025
Stevens, B., Abe-Ouchi, A., Bony, S., Hegerl, G., Schmidt, G., Sherwood, S., and Webb, M. (2015) Ringberg15: Earth's Climate Sensitivities. 23-27 March, Schloss Ringberg, Germany. WCRP Report No. 11/2015.
Stevens, B., Sherwood, S.C., Bony, S., and Webb, M. J. (2016). Prospects for narrowing bounds on Earth’s equilibrium climate sensitivity, Earth’s Future, 4, 512–522, DOI: 10.1002/2016EF000376.
Stevens, B. and Kluft, L. (2023): A colorful look at climate sensitivity. Atmos. Chem. Phys., 23, 14673–14689, DOI: 10.5194/acp-23-14673-2023
Kontakt
Prof. Dr. Bjorn Stevens
Max-Planck-Institut für Meteorologie
bjorn.stevens@mpimet.mpg.de
Dr. Hauke Schmidt
Max-Planck-Institut für Meteorologie
hauke.schmidt@mpimet.mpg.de
Helene Glöckner
Max-Planck-Institut für Meteorologie
helene.gloeckner@mpimet.mpg.de
Dr. Lukas Kluft
Max-Planck-Institut für Meteorologie
lukas.kluft@mpimet.mpg.de