25 Jahre IMPRS-ESM

Vor 25 Jahren erhielt das Max-Planck-Institut für Meteorologie die Finanzierungszusage für ein gemeinsames strukturiertes Graduiertenprogramm mit der Universität Hamburg. Die International Max Planck Research School on Earth System Modelling hat sich seitdem stetig weiterentwickelt – mit festem Blick auf bewährte Wege und Mut zu neuen Ideen.

Eine konkrete Frage, eine vage Idee oder auch einfach ein Thema, das begeistert, können Anlass und Ausgangspunkt einer Promotion sein. Der Weg zum Doktortitel ist lehrreich, aufregend, bereichernd, manchmal aber auch mühsam und anstrengend und nicht unbedingt geradlinig. Zurücklegen müssen ihn die Promovierenden selbst – alleine sind sie damit in der Regel aber nicht. Betreuende, die die Richtung weisen, Lehrpersonen, die Fähigkeiten vermitteln, Organisationstalente, die Wegmarken aufzeigen, und eine Peer Group, die anspornt und mitzieht, sind auf dieser Reise eine wertvolle Begleitung.

Strukturierte Promotionsprogramme, welche einen niedrigschwelligen Zugang zu diesen Ressourcen gewähren, waren in Deutschland lange nicht üblich. Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) initiierte solche Programme um die Jahrtausendwende. Die „International Max Planck Research Schools“ sollten gleichzeitig der Nachwuchsförderung sowie der Internationalisierung dienen und die Zusammenarbeit mit Universitäten stärken. Das Konzept sah vor, mindestens die Hälfte der Positionen an Personen mit ausländischem Universitätsabschluss zu vergeben. Unter Federführung des damaligen Direktors Guy Brasseur, seines Mitarbeiters Marco Giorgetta und der damaligen Verwaltungsleitung Gunhild Sternberg (ehem. Kleinhoff) beantragte das Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M) gemeinsam mit der Universität Hamburg und weiteren Partnerinstituten eine solche Schule. „Die Idee war, eine interdisziplinäre Graduiertenschule rund um die Erdsystemmodellierung zu errichten, die also nicht nur Physik, sondern beispielsweise auch die Biogeochemie und die Sozialwissenschaften umfasst“, berichtet Brasseur. Anfängliche Skepsis von Kolleg*innen, ob solch ein breit gefächerter Ansatz erfolgreich sein könne, wurde zerstreut, als die MPG den Antrag positiv bewertete und im Mai 2001 einen Teil der Finanzierung zusagte. Weitere Mittel stellten in den Anfangsjahren die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius zur Verfügung, und so wurde die International Max Planck Research School on Earth System Modelling (IMPRS-ESM) im Jahr 2001 aus der Taufe gehoben. Nach einer feierlichen Einweihung im April 2002 begaben sich die ersten zehn Doktorand*innen im Rahmen dieses Programms auf ihre Promotionsreise.

In den ersten zehn Jahren trugen neben dem MPI-M und der Universität Hamburg auch die Universität Kassel, das GKSS Forschungszentrum Geesthacht (heute Helmholtz-Zentrum Hereon), das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), das Max-Planck-Institut für Biogeochemie und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zur IMPRS-ESM bei. Heute konzentriert sich die IMPRS-ESM auf den Standort Hamburg und verkörpert eine enge bilaterale Zusammenarbeit zwischen MPI-M und Universität. 

Mitglieder der beteiligten Institutionen bilden das Exekutivkomitee, welches unter anderem die Kandidat*innen auswählt, das Kursangebot erstellt und den Fortschritt der Promotionsprojekte im Auge behält. Die Leitung liegt seit jeher bei einem Direktor oder einer Direktorin des MPI-M, die Stellvertretung übernimmt ein*e Universitätsprofessor*in.

Stringentes Auswahlverfahren

Pro Jahr nehmen rund zwölf Personen ein Promotionsvorhaben innerhalb der IMPRS-ESM auf. Auf diese Weise hält die Schule die Gesamtgröße der Gruppe relativ konstant bei 50 Personen – groß genug, um die Bandbreite der Erdsystemmodellierung abzubilden, und klein genug, um ein Gemeinschafts- und Identitätsgefühl zu kultivieren. Während das MPI-M zu Beginn auch noch Promotionsstellen außerhalb der IMPRS-ESM anbot, wird seit 2010 jede Person, die eine Doktorarbeit am Institut anfertigt, Teil der Schule. Die Universität vergab im Rahmen der IMPRS-ESM Promotionsstellen in der Atmosphären- und Ozeanforschung sowie im Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Um die klügsten Köpfe anzuwerben, setzt die IMPRS-ESM seit jeher auf ein standardisiertes, transparentes Verfahren – und das beginnt mit einer weltweiten Ausschreibung. „Seit 25 Jahren gilt in den Erdsystemwissenschaften: Zwischen Juli und September bewirbt man sich für die IMPRS-ESM“, sagt der Koordinator der Schule, Florian Mundt. Diese Verlässlichkeit sei hilfreich – genauso wie die Mitwirkung der Ehemaligen: „Es ist nicht zu unterschätzen, dass wir mittlerweile auch in der ganzen Welt Alumni haben, die ihre Studierenden auf unser Programm aufmerksam machen.“ Mit dem neuen Early Admittance Program will die IMPRS-ESM herausragende Talente zudem schon während ihres Studiums an der Universität Hamburg gewinnen.

Auf die Ausschreibung hin erhält die IMPRS-ESM jährlich mehrere hundert Bewerbungen. Nur die Besten erhalten eine Einladung zum Auswahlgespräch. IMPRS-ESM Alumna Marlene Klockmann erinnert sich, dass sie beim Anblick der „Wand aus Personen“, die ihr beim Vorstellungsgespräch gegenübersaßen, erst einmal durchatmen musste – doch es sei sehr positiv verlaufen. Eine besonders knifflige Frage ist ihr gut in Erinnerung geblieben: „Was wäre, wenn der Wärmefluss zwischen Ozean und Meeresboden genauso groß wäre wie zwischen Ozean und Atmosphäre? Hier kam ein richtig spannender Austausch zustande“, sagt die Ozeanografin, die ihre Promotion 2017 abschloss und nun an der Universität Hamburg forscht.

Strukturieren, ohne einzugrenzen

Um die Promovierenden optimal auf ihrem Weg zu begleiten, setzt die IMPRS-ESM auf ein Beratungsgremium (Advisory Panel), das sich regelmäßig trifft, um die Fortschritte des Promotionsvorhabens zu besprechen. Guy Brasseur brachte dieses Konzept, das ihm aus seiner Zeit in den Vereinigten Staaten vertraut war, gleich zu Anfang ins Spiel, stieß aber zunächst auf Widerstand. Doch auch Jochem Marotzke, der 2003 als Direktor ans MPI-M berufen wurde und der zuvor ebenfalls in den USA sowie im Vereinigten Königreich geforscht hatte, befürwortete dieses Betreuungsschema, und so etablierte die IMPRS-ESM im Herbst 2004 das Panel-System. Es bewährt sich bis heute. „Der Erfolg der IMPRS-ESM hat viel damit zu tun, dass wir die Betreuung sehr stringent durchführen. Die Panels waren ein essenzieller Schritt dafür“, sagt Marotzke, der die Schule von 2006 bis 2009 und von 2012 bis 2017 leitete.

Die halbjährlichen Treffen des Advisory Panels, welches in der Regel aus drei erfahrenen Wissenschaftler*innen besteht, mit dem*der Doktorand*in werden schriftlich vorbereitet und dokumentiert. Martin Claußen, Direktor emeritus am MPI-M, der die IMPRS-ESM von 2018 bis 2023 leitete, erzählt, wie sich die Einführung der Advisory Panels auf die Betreuung auswirkte: „Die Promovierenden waren so gezwungen darüber nachzudenken, wo sie eigentlich stehen – und umgekehrt wussten wir immer Bescheid, wie es um das Projekt bestellt war. So ist niemand mehr durchs Raster gefallen.“ 

Universitätsprofessorin Johanna Baehr, die seit 2018 stellvertretende Leiterin der IMPRS-ESM ist, hebt hervor, dass natürlich die Interaktion zwischen der promovierenden Person und der Betreuungsperson ausschlaggebend für den Erfolg des Promotionsprojekts sei. „Aber drumherum gibt es eben noch weitere Unterstützung, die man leisten kann, und hier müssen wir das Rad nicht immer neu erfinden. Deshalb versuchen wir den Weg zur Promotion zu strukturieren, ohne einzugrenzen“, so Baehr. 

Terminfestlegungen, Einreichungsfristen, Dokumentationspflichten: Diese Strukturierung bringt administrative Aufgaben mit sich. Hierbei steht das IMPRS-Office-Team, das aus Koordinator*in und Assistenzen besteht, den Promovierenden seit jeher zur Seite. Darüber hinaus hilft es den internationalen Kandidat*innen dabei, in Deutschland anzukommen. „Die umfassende Unterstützung war für mich auf eine positive Art überwältigend“, berichtet IMPRS-ESM-Alumna Abisha Gnanaraj, die von 2021 bis 2025 in der IMPRS-ESM promovierte. „Das Office-Team hat für jedes Problem eine Lösung gefunden oder konnte zumindest helfen, die richtigen Leute anzusprechen.“

Gemeinsame Identität

Wenn der Weg steinig wird, hilft es zu wissen, dass auch andere Durststrecken bewältigen müssen. „Mit den Unsicherheiten nicht allein zu sein, die mentalen Herausforderungen zu meistern, dafür ist die Gruppe da“, sagt IMPRS-ESM-Koordinator Mundt. Unter den Promovierenden Zusammenhalt und eine gemeinsame Identität zu stiften, wurde daher auch zu keinem Zeitpunkt dem Zufall überlassen. So führte die IMPRS-ESM bereits 2002 unter Koordination von Almut Arneth den jährlichen Retreat ein. Dabei kommen alle IMPRS-Kandidat*innen und ihre Betreuer*innen zusammen, um ähnlich wie bei einer Fachkonferenz die Fortschritte der Promotionsprojekte zu diskutieren. Dabei geht es inhaltlich durchaus zur Sache. „Aber dass Kolleg*innen die Forschung kritisch prüfen und debattieren, gehört zur Wissenschaft dazu. In diesem geschützten Rahmen kann man das wunderbar lernen“, sagt MPI-M-Direktor Bjorn Stevens, der die IMPRS-ESM von 2009 bis 2011 leitete.

Auch die gemeinsamen Kurse und Summer Schools schweißen jede Kohorte zusammen . Zudem initiierten sowohl das IMPRS-Office-Team als auch die Promovierenden selbst gemeinsame Erlebnisse, die das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, stärken. So marschierten die Mitglieder der IMPRS-ESM alljährlich durch graues, windiges Winterwetter, um am Schluss gemeinsam Grünkohl zu essen – ein typisch norddeutsches Teamevent, das die Schule über Jahre pflegte.

Seit kurzem können Promovierende zusätzliche Mittel erhalten, um eigeninitiativ Konferenzen am MPI-M zu organisieren und hierfür hochkarätige Vortragende einzuladen. Erstmals organisierten Valentina Collavini und Eden Markovitz ein solches Treffen im September 2026. Beim dreitägigen „General Circulation Student Meeting“ kamen bekannte Forschende aus dem Vereinigten Königreich und den USA mit Promovierenden und Masterstudierenden zusammen. Die Organisatorinnen beschreiben die Erfahrung als bereichernd und lohnenswert. MPI-M-Direktorin Sarah Kang, die die IMPRS-ESM seit 2024 leitet, betont die potentiellen Vorteile für die Karrieren der Nachwuchsforschenden. „Ich hoffe, dass dieses Veranstaltungsformat in einigen Jahren Tradition haben wird.“

Das Gemeinschaftsgefühl ist Kang ein besonderes Anliegen: „Es bildet die Grundlage für das Prestige der Schule.“ Für die vielen Promovierenden, die von außerhalb nach Hamburg kommen, ist die Gruppe auch auf privater Ebene ein wichtiger Anker. „Für diese jungen Leute war die IMPRS immer ein Ort, wo sie Kontakte knüpfen konnten und sich zu Hause gefühlt haben“, sagt Antje Weitz, die von 2004 bis 2024 Koordinatorin der Schule und damit über 20 Jahre eine zentrale Ansprechperson für die Promovierenden war.. Für Abisha Gnanaraj waren vor allem die Doktorand*innen des gleichen Jahrgangs ein fester Bestandteil ihrer Promotionsreise. „Sie sind heute noch meine besten Freund*innen.“

Neuausrichtung und Verstetigung

Dank der erfolgreichen Kombination von Bewährtem und Neuem wurde die IMPRS-ESM über die Jahre mehrfach positiv begutachtet und verlängert – und zuletzt sogar verstetigt. Mittlerweile haben 272 Personen das Promotionsprogramm abgeschlossen, im Schnitt innerhalb von 3,8 Jahren. Die Abbruchquote liegt bei unter zehn Prozent. Und mehr als 800 veröffentlichte Fachaufsätze sowie mehrere Preise und Fellowships für IMPRS-ESM-Absolvent*innen beweisen die Qualität der geleisteten wissenschaftlichen Arbeit. Wenig überraschend also, dass die IMPRS-ESM auch als Blaupause für andere Doktorandenschulen diente – etwa das 2008 im Exzellenzcluster CliSAP etablierte Graduiertenprogramm SICSS, die Schwestergraduiertenschule der IMPRS-ESM, welche heute im Exzellenzcluster CLICCS fortbesteht und einige Kurse mit der IMPRS-ESM teilt.

Eine Vorreiterrolle hat die IMPRS-ESM weiterhin, da sie nicht verweilt, sondern auch immer wieder neue Wege einschlägt. So wurde das MPI-M nach der Berufung von Sarah Kang inhaltlich umstrukturiert: Seit 2023 widmen sich die unterschiedlichen Abteilungen nicht mehr einzelnen Komponenten des Erdsystems – Atmosphäre, Ozean und Land – sondern alle betrachten das gesamte Erdsystem, aber stellen unterschiedliche Fragen daran. Dies gilt nun auch für die Promovierenden der IMPRS-ESM. Die Zusammenarbeit mit der Uni wurde durch die Neuausrichtung nochmal gestärkt. Sie umfasst nun eine größere Bandbreite an Disziplinen, wodurch die Expertise beider Seiten optimal verknüpft wird. 

So hat die IMPRS-ESM selbst einen Weg durch unbekanntes Gelände zurückgelegt. Der Plan, durch das strukturierte Programm den Nachwuchs zu fördern, die Forschung zu internationalisieren und die Zusammenarbeit mit den Universitäten zu stärken, ist aufgegangen. Nach der Verstetigung liegt eine spannende Zukunft vor der Schule. Auch dieser Weg wird von der Wertschätzung des Bewährten, der Offenheit für Neues und der Kraft zur Innovation geprägt sein.

Kontakt

Dr. Florian Mundt
Koordination IMPRS-ESM
florian.mundt@we dont want spammpimet.mpg.de

Dr. Denise Müller-Dum
PR und Kommunikation
denise.mueller-dum@we dont want spammpimet.mpg.de