Vernetzt in Europa: Die EUCLIDYAN-Initiative zur Klimadynamik

Die Initiative EUCLIDYAN vernetzt europäische Forschungsgruppen, die sich mit Fragen der Klimadynamik befassen, in einzigartiger Weise. Im Vordergrund stehen junge Forschende – und persönliche Verbindungen, von denen die wissenschaftliche Zusammenarbeit profitiert.

Klimadynamik ist ein Bereich der Klimaforschung, der das große Ganze im Blick behalten soll: Wie entwickelt sich das Klima über lange Zeiträume? Welche Wechselwirkungen und Rückkopplungen prägen seine natürlichen Schwankungen? Und wie reagiert es auf äußere Antriebe? Dabei geht es diesem Forschungszweig weniger darum, das Klima zu beschreiben, neue Modelle zu entwickeln oder Vorhersagen zu erstellen. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf dem fundamentalen physikalischen Verständnis.

Verwurzelt ist die Forschung zur Klimadynamik vor allem in den USA – aus historischen Gründen. „In berühmten Forschungseinrichtungen wie dem Geophysical Fluid Dynamics Laboratory arbeiteten Modellentwickler*innen schon immer mit Leuten zusammen, die sich eher auf theoretische Aspekte konzentrieren. Diese Art der Zusammenarbeit wurde dann eine Blaupause für andere Forschungszentren in den USA“, erklärt Rodrigo Caballero Augi, Professor für dynamische Meteorologie an der Universität Stockholm. „Gemessen an der Zahl der Leute, die daran arbeiten, ist die Klimadynamik vielleicht nur ein kleiner Teil der Klimaforschung – aber ein ganz wesentlicher, denn wir brauchen das konzeptuelle Verständnis, das diese Forschungsrichtung entwickelt, um Modellergebnisse und Beobachtungen zu interpretieren.“

In Europa wurden lange Zeit andere Aspekte der Klimaforschung stärker betont. Doch es ist Bewegung in die Forschungslandschaft gekommen. Ein Beispiel aus Deutschland ist die 2023 etablierte Abteilung „Klimadynamik“ von Sarah Kang, Direktorin am Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M). Kang fertigte ihre Doktorarbeit am Geophysical Fluid Dynamics Laboratory und der Princeton-Universität an, forschte an der Columbia University und leitete später am Ulsan National Institute of Science and Technology (UNIST) in der Republik Korea eine Forschungsgruppe zur Klimadynamik. Am MPI-M widmet sich ihre Abteilung unterschiedlichen Aspekten des Themas: der großskaligen Atmosphärendynamik, der Interaktion von Wetter und Klima sowie der Ozeandynamik. Kangs Team strebt danach, die grundlegenden Mechanismen hinter einigen der größten Rätsel der Klimawissenschaft zu verstehen. So lieferten die Wissenschaftler*innen kürzlich eine konsistente Erklärung dafür, warum sich der östliche Pazifik trotz globaler Erwärmung abgekühlt hat – ein Rätsel, das Klimaforschende rund um den Globus ein ganzes Jahrzehnt umgetrieben hatte.

Ein Netzwerk für die europäische Klimadynamik-Community

Nun hat Kang eine Initiative ergriffen, welche die europäische Klimadynamik-Community in einzigartiger Weise vernetzt: EUCLIDYAN (European-mediterranean Climate Dynamics Action Network). Neben den Forschungsgruppen von Kang und Caballero sind Teams von der University of St. Andrews und der ETH Zürich Teil der Zusammenarbeit. Weitere könnten dazukommen. Die Idee für ein solches Netzwerk geht auf Kangs Forschungserfahrungen in Korea zurück. Klimaforscher In-Sik Kang, Professor Emeritus an der Seoul National University und der Vater von Sarah Kang, legte großen Wert darauf, vor allem die jungen Forschenden durch ungezwungene Veranstaltungen und gemeinsame Ausflüge zusammenzubringen. „Ich habe als Studentin an solch einer Veranstaltung teilgenommen und war fasziniert davon. Es ging vor allem darum, gemeinsam eine gute Zeit zu haben“, sagt Kang. Später führte sie diese Initiative als Professorin am UNIST fort, indem sie enge Beziehungen mit Gruppen in Japan und Taiwan pflegte, und übergab das Netzwerk dann in die Hände von Nachwuchsforschenden. „Das heißt, wir hatten dort ein Netzwerk geschaffen, das sich selbst trägt und weiterentwickelt. So etwas wollte ich auch in Europa etablieren.“

Im März 2026 lud Kang daher die Mitglieder anderer europäischer Gruppen, die zur Klimadynamik forschen, zu einem Workshop nach Schloss Ringberg ein – eine Tagungsstätte der Max-Planck-Gesellschaft in idyllischer Lage am Tegernsee. „Wir wussten nicht so richtig, was uns erwartet“, sagt Michael Byrne, Leiter der Forschungsgruppe Klimadynamik an der University of St. Andrews. Doch er zeigt sich begeistert: „Es war toll zu sehen, wie gut meine Gruppe die Erfahrung angenommen hat. Der Workshop war sehr produktiv, und neue Kooperationen gingen daraus hervor.“

Poster, Kleingruppen, Spaziergänge

Drei Tage lang tauschten sich die vier teilnehmenden Arbeitsgruppen zu ihren Forschungsgebieten aus. Moritz Günther, Gruppenleiter in Kangs Abteilung und Ko-Organisator des Treffens, hebt die sehr ausführliche und erkenntnisreiche Poster-Session hervor. Anders als bei sehr großen Konferenzen, bei denen die Zahl der Poster und die Breite der Themen oft nicht zu bewältigen sind, konnten sich die Teilnehmenden jede Präsentation in Ruhe anschauen. „Ich hatte so viele tolle Diskussionen und Fragen zu meinem Poster“, berichtet Clarissa Kroll, Postdoc in der Gruppe von Robert Jnglin Wills an der ETH Zürich. „Ich hatte das Gefühl, die anderen verstehen genau, was ich mache, und wir haben viele Gemeinsamkeiten und Überschneidungen festgestellt.“

In Kleingruppen bearbeiteten die Teilnehmenden außerdem konkrete Projektideen, die aus dem Kreis der Nachwuchsforschenden vorgeschlagen wurden – etwa zu Klimaschwankungen im Nordatlantik, zur Darstellung der Atmosphärenzirkulation in sturmauflösenden Modellen oder zur Verteilung von Niederschlag zwischen Land und Ozean. Die Gruppenarbeit zum Thema Niederschlag leitete Luca Schmidt, Postdoc im Team von Byrne. Sie brachte die Fragen und die Daten mit, und sechs Personen schlossen sich ihr an. Diese Arbeit trägt bereits Früchte: Gerade arbeiten die Forschenden an einem Manuskript, das sie zur Begutachtung bei einer Fachzeitschrift einreichen möchten.

Am wichtigsten sei jedoch das Miteinander gewesen, sagen viele Beteiligte. „Ein großer Teil unserer Arbeit besteht im Aufbau und in der Pflege eines Netzwerks“, sagt Clarissa Kroll. „Ein Netzwerk bekommt man aber nicht nur über wissenschaftliche Diskussionen, sondern auch über gemeinsame Erfahrungen.“ Der exklusive, abgelegene Tagungsort erleichterte das Kennenlernen: gemeinsame Mahlzeiten, Tischtennis und Brettspiele am Abend sowie gemeinsame Spaziergänge auf den Serpentinen des Ringbergs ließen im Nu echte Verbindungen entstehen. Dass dies auch der Wissenschaft zuträglich ist, darüber sind sich die Teilnehmenden einig: „Wenn man persönlich miteinander verbunden ist, traut man sich auch unausgegorene Ideen zu äußern. Das kann die Wissenschaft voranbringen“, sagt Luca Schmidt. Joas Müller, Doktorand an der ETH Zürich, ergänzt: „Jetzt, wo man die Leute kennt, hat man weniger Hemmungen, jemanden aus der Gruppe zu kontaktieren und einfach nachzufragen.“

Gemeinsam statt einsam

Das neue Netzwerk trägt die Nachwuchsforschenden bereits durch den akademischen Alltag: So verabredeten sie sich beim jährlichen Treffen der European Geosciences Union im Mai und schufen sich so inmitten der 20 000 Teilnehmenden ein vertrautes Umfeld. „Wir haben jetzt eine kleine Sub-Community, auf die wir uns auch bei größeren Konferenzen verlassen können“, sagt Andrew Chingos von der University of St. Andrews. „Sie kommen zu deinen Vorträgen, du schaust ihre Poster an, ihr geht gemeinsam Mittagessen.“ Rodrigo Caballero hofft außerdem, dass EUCLIDYAN dazu beiträgt, das Thema Klimadynamik in Europa noch stärker zu verankern: „Hoffentlich wird diese Initiative dazu beitragen, die wichtigen Fragen der Klimadynamik hier in Europa stärker ins Bewusstsein zu rücken – auch bei den Förderstellen.“

Im kommenden Jahr sehen sich die Klimadynamik-Expert*innen wieder – dann nicht auf Schloss Ringberg, sondern in einem schottischen Landhaus. Das Team von Michael Byrne richtet dort im Mai 2027 den zweiten EUCLIDYAN-Workshop aus.  Die geteilte Wahrnehmung der Teilnehmenden ist, dass dies der Beginn von etwas Spannendem und Bedeutungsvollem ist, aus dem sich in den kommenden Jahren eine dauerhafte Gemeinschaft entwickeln wird.

Kontakt

Prof. Dr. Sarah Kang
Max-Planck-Institut für Meteorologie
sarah.kang@mpimet.mpg.de

Dr. Moritz Günther
Max-Planck-Institut für Meteorologie
moritz.guenther@mpimet.mpg.de