Welches Prinzip bestimmt die Klimastatistiken?
Wenn ein multidimensionales System einen konstanten externen Antrieb erfährt und gleichzeitig Dämpfung unterliegt, bringt es permanente Schwankungen hervor. Man spricht von einem dynamischen Gleichgewicht. Ein Beispiel dafür ist das Klimasystem: Es wird von der Sonne angetrieben und bringt das Wetter hervor. Betrachtet man dieses Gleichgewichtsklima, so fallen zwei Merkmale auf: Einerseits gibt es die konkrete zeitliche Entwicklung einzelner Wetterereignisse, welche sich durch die Bilanzgleichungen für Impuls, Masse und Energie bestimmen lässt. Andererseits gibt es die statistische Beschreibung des Wetters. Obwohl die Wetterereignisse zufällig erscheinen, sind die statistischen Größen wie die Varianz, die die typische Stärke der Wetterschwankungen charakterisiert, für einzelne Klimavariablen wie beispielsweise die Temperatur wohldefiniert. „Umso verwunderlicher finde ich, dass bisher kaum hinterfragt wurde, welches Prinzip hinter der Entstehung solcher Klimastatistiken steckt“, sagt Jin-Song von Storch vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. Häufig werde implizit angenommen, dass die Bilanzgleichungen nicht nur die einzelnen Wetterverläufe, sondern auch die statistischen Eigenschaften des Klimas vollständig festlegen. Diese Annahme greift jedoch zu kurz, wie die Forscherin in einer neuen Studie zeigt.
Komplementäre, nicht aufeinander reduzierbare Prinzipen
Die Bilanzgleichungen für Impuls, Masse und Energie beschreiben einzelne Wetterverläufe, indem sie lokale zeitliche Tendenzen formulieren. Diese Tendenzen erzeugen fortwährend Schwankungen. Eine explizite effektive Dämpfung, die diese Schwankungen begrenzt, erscheint jedoch nicht auf der Ebene der momentanen Änderungsrate. Solch eine Dämpfung setzt nämlich Wechselwirkungen zwischen den Komponenten des Systems voraus. Da diese erst mit fortschreitender zeitlicher Entwicklung in Erscheinung treten, verschwindet die effektive Dämpfung bei unendlich kurzen (infinitesimal kurzen) Zeitschritten und nimmt erst über ein von null verschiedenes Zeitintervall eine stabilisierende Rolle ein. Dies ist auch der Grund, warum die effektive Dämpfung einer Klimavariablen generell nicht der Stärke des expliziten Dämpfungsterms in der zugehörigen Bilanzgleichung entspricht.
„Die effektive Dämpfung ist eine emergente Eigenschaft des gekoppelten Systems“, fasst von Storch zusammen. „Sie tritt erst bei der Integration hervor und ermöglicht die Stationarität der Fluktuationen und damit die Wohldefiniertheit der Klimastatistiken.“
Da die effektive Dämpfung dem durch die Dynamik erzeugten fluktuierenden Antrieb entgegenwirkt, können sich ein dynamisches Gleichgewicht und die wohldefinierten Klimastatistiken, die dieses Gleichgewicht charakterisieren, ausbilden. Dieses Zusammenspiel von Dämpfung und fluktuierendem Antrieb bezeichnet von Storch als „Integrale Fluktuations-Dissipations-Beziehung“ (Engl. Integral Fluctuation-Dissipation Relation, IFDR). Wie die effektive Dämpfung kann die IFDR nicht als lokale zeitliche Änderungsrate formuliert werden und ist daher nicht Bestandteil der klassischen Bilanzgleichungen. Das Gleichgewichtklima wird somit durch zwei komplementäre, aber nicht aufeinander reduzierbare Prinzipien bestimmt.
Mögliche Implikationen der effektiven Dämpfung
Die effektive Dämpfung wirkt wie eine interne rücktreibende Kraft. Als solche könnte sie die Antwort des Klimas auf eine Änderung im externen Antrieb, zum Beispiel durch eine Zunahme der Treibhausgaskonzentration, beeinflussen. Da die Stärke dieser Dämpfung mit der Intensität der Fluktuationen zusammenhängt, und diese mit zunehmender räumlicher Modellauflösung anwachsen, könnte die nächste Generation von Klimamodellen auf der Kilometerskala eine systematisch veränderte Klimasensitivität aufweisen. Das könnte für Klimaprognosen einen wichtigen Unterschied machen.
Originalpublikation
Jin-Song von Storch (2026): Principles of equilibrium fluctuations. Physica A: Statistical Mechanics and its Applications 683, 131218, DOI: 10.1016/j.physa.2025.131218.
Kontakt
Prof. Dr. Jin-Song von Storch
Max-Planck-Institut für Meteorologie
jin-song.von.storch@mpimet.mpg.de