Studie enthüllt bislang unbekannte Fernwirkung zwischen Eisschilden der Nordhalbkugel und Westantarktis

Veränderungen der Landeisbedeckung auf der Nordhalbkugel können sich im gesamten Klimasystem bemerkbar machen und sogar die weit entfernte Antarktis beeinflussen. Idealisierte Simulationen der vergangenen 8000 Jahre mit einem neuartigen gekoppelten Klima-Eisschild-Modell haben eine bisher unbekannte Fernwirkung aufgedeckt. Dieser Mechanismus sendet periodische Warmwasserpulse an die Schelfeise der Westantarktis und löst dadurch einen sich selbst verstärkenden Rückzug des Westantarktischen Eisschildes aus.

Der Westantarktische Eisschild gilt als besonders anfällig für einen raschen Eisverlust infolge der globalen Erwärmung. Er wird sogar als „Kippelement“ im Klimasystem angesehen, denn er könnte unwiderruflich verloren gehen, sobald eine sich selbst verstärkende Rückkopplung einsetzt. Da er auf einer Topografie unterhalb des Meeresspiegels ruht, die sich landeinwärts weiter vertieft, kann eine anfängliche Ablösung des Eisschilds von seinem Untergrund – beispielsweise durch das Eindringen von warmem Wasser – zu seinem unaufhaltsamen Rückzug führen. Dieser Rückkopplungsmechanismus wird Marine Eisschild-Instabilität (engl.: marine ice-sheet instability) genannt. 

Frühere Studien haben gezeigt, dass Prozesse, die auf der anderen Seite des Globus stattfinden, diese Instabilität in Gang setzen können. So lässt das Abschmelzen der Eisschilde auf der Nordhalbkugel den globalen Meeresspiegel ansteigen, was die Bereiche des Westantarktischen Eisschildes, die direkt im Kontakt mit dem Ozean stehen, destabilisieren kann. Darüber hinaus kann die Eisschmelze auf der Nordhalbkugel die Atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC) abschwächen. Das würde die nördliche Hemisphäre kühlen und dazu führen, dass sich Wärme in der südlichen Hemisphäre ansammelt. Basierend auf Simulationen mit einem neuartigen gekoppelten Klima-Eisschild-Modell hat ein Forschungsteam am Max-Planck-Institut für Meteorologie eine weitere wichtige Fernwirkung entdeckt, durch die die Eisschilde der Nordhalbkugel die Westantarktis beeinflussen können. Die Studie war Teil der Masterarbeit von Pierre Testorf (jetzt an der Universität Bern) zusammen mit Clemens Schannwell, Marie-Luise Kapsch und Uwe Mikolajewicz.

In einer idealisierten Simulation der vergangenen 8000 Jahre entfernten die Forschenden die Eisschilde in Neufundland, auf der Baffininsel, in Alaska, im Osten Russlands und in Skandinavien. Diese waren in Simulationen der letzten 26 000 Jahre noch vorhanden, was aber nicht den Eisschildrekonstruktionen dieser Zeit entspricht. Die an das Entfernen der Eisschilde anschließende Simulation der 8000 Jahre bis zur Gegenwart war insofern idealisiert, als die Entfernung der Eisschilde instantan erfolgte und die direkten Auswirkungen des Schmelzwassers, etwa auf die AMOC, nicht berücksichtigt wurden. Sie ist also keine detailgetreue Darstellung der tatsächlichen Klimaentwicklung, sondern ein Experiment, das den Forschenden erlaubte, einen bisher unbekannten Mechanismus im Klimasystem zu isolieren.

Kettenreaktion führt zu Eisverlust in der Westantarktis

Entfernt man auf der Nordhalbkugel die Eisschilde, so wird die Topografie in den betroffenen Gebieten niedriger und es herrschen höhere Temperaturen. Schneefreie Sommer ermöglichen Pflanzenwachstum, wodurch die Oberfläche dunkler wird und weniger Sonnenlicht reflektiert. Das trägt zusätzlich zu einer starken Erwärmung bei, die auch den angrenzenden Ozean erfasst. Meeresströmungen transportieren diese wärmeren Wassermassen in mittlerer Tiefe zum Südpolarmeer, wo sie in den Ross-Wirbel (engl. Ross Gyre) gelangen – eine regionale, zirkuläre Meeresströmung. Der Radius dieses Ross-Wirbels unterliegt natürlichen Schwankungen, wobei ein größerer Ross-Wirbel die Schelfeise der Westantarktis vor dem Eindringen von warmem Wasser schützt, während ein kleinerer Ross-Wirbel den Transport warmer Wassermassen direkt zu diesen Schelfeisen ermöglicht. Diese periodischen, jahrzehntelangen Warmwasserpulse destabilisieren schließlich das westantarktische Eis und lösen einen raschen, sich selbst erhaltenden Eisverlust aus.

Die Ergebnisse unterstreichen die enge Verbindung zwischen verschiedenen Komponenten des Erdsystems und zeigen, dass Veränderungen an weit entfernten Orten plötzliche und weitreichende Auswirkungen haben können. Numerische Modelle, die die Dynamik von Atmosphäre, Ozean, Vegetation, Eisschilden und der festen Erde zusammen darstellen, sind unerlässlich, um solche komplexen Kettenreaktionen aufzudecken.

Originalveröffentlichung

Testorf, P., Schannwell, C., Kapsch, M. L., Mikolajewicz, U. (2026) Coupled Climate-Ice-Sheet Simulations Reveal Novel Teleconnection Between Northern Hemisphere Ice Sheets and the Antarctic Ice Sheet. Geophysical Research Letters 53 (1), e2025GL118959. DOI: 10.1029/2025GL118959

Kontakt

Pierre Testorf
Universität Bern
pierre.testorf@we dont want spamunibe.ch

Dr. Clemens Schannwell
Max-Planck-Institut für Meteorologie
clemens.schannwell@we dont want spammpimet.mpg.de

Dr. Marie-Luise Kapsch
Max-Planck-Institut für Meteorologie
marie-luise.kapsch@we dont want spammpimet.mpg.de

Uwe Mikolajewicz
Max-Planck-Institut für Meteorologie
uwe.mikolajewicz@we dont want spammpimet.mpg.de