In der Klimapolitik kann es nicht ständig “fünf vor zwölf” sein

Dr. Oliver Geden, Foto © MPI-M

Dr. Oliver Geden, Foto © MPI-M

In einem Kommentar für Nature Geoscience legt Dr. Oliver Geden, Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M), dar, dass Klimaforscher die Bedeutung des verbleibenden Kohlenstoffbudgets für klimapolitisches Handeln überschätzen. Eine effektivere Kommunikation setzt ein besseres Verständnis politischer Prozesse und Anreizsysteme voraus.

In den vergangenen Monaten kam es zu einer für Klimapolitiker überraschenden Ausweitung des verbleibenden globalen Kohlenstoffbudgets zur Erreichung ehrgeiziger Klimaziele. Der dieser Neukalkulation zugrunde liegende Forschungsansatz ist in der Klimaforschung inzwischen weitgehend akzeptiert. Das Ausmaß der Budgeterweiterung wird jedoch nach wie vor kontrovers diskutiert, ebenso der mögliche Effekt dieser Neukalkulation auf die Klimapolitik.

Das Konzept eines globalen Kohlenstoffbudgets hat die Perspektive auf die Herausforderungen des Klimaschutzes stark geprägt. Allerdings hat das Konzept bislang nur die klimapolitische Debatte beeinflusst. Es bildet nicht die Grundlage von klimapolitischen Entscheidungen, und bestimmt erst recht nicht das politische Handeln.

Die jüngst erfolgte Erweiterung des globalen Budgets hat den Effekt, dass die in der Klimapolitik seit Jahrzehnten geläufige Erzählung („es ist fünf vor zwölf, die Zeit läuft uns davon, aber wir können es immer noch schaffen, wenn wir sofort handeln“) am Leben erhalten wird, obwohl die globalen Emissionen nach wie vor nicht sinken.

Um zu vermeiden, dass Klimapolitiker sich daran gewöhnen, dass es stets „fünf vor zwölf“ ist, schlägt Geden vor, dass die Klimaforschung striktere Standards für die Einschätzung der Machbarkeit von Klimazielen anwendet und ihre Erkenntnisse in geringfügig veränderter Form kommuniziert. Anstatt etwa – wie bislang üblich – zu sagen „Ja, das 1,5-Grad-Ziel ist nach wie vor erreichbar, wenn die Regierungen A, B und C implementieren“, sollte die Kernbotschaft besser lauten „Nein, unter den derzeitigen Umständen ist das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels nicht plausibel, es sei denn, die Regierungen implementieren A, B und C“.

Dies würde die Forschungscommunity davor bewahren, die Uhr durch Einführung neuer Annahmen immer wieder auf „fünf vor zwölf“ zurückzustellen. Stattdessen würde der Druck, für bessere Nachrichten zu sorgen, auf den Regierungen lasten – wo er auch hingehört.

Evidenzbasierte Politik im strengen Sinne wird eine Illusion bleiben, aber um zumindest eine wissenschaftlich informierte Klimapolitik Realität werden zu lassen, braucht es politisch informierte Beratung. Dies ist nicht mit „politisierter Wissenschaft“ zu verwechseln, Klimaforscher sollen nicht als „Politikunternehmer“ auftreten, ganz im Gegenteil. Wissenschaft basiert auf dem Prinzip intellektueller Konsistenz, und Klimaforscher sollten alles dafür tun, dieses Fundament zu bewahren.

Politisch informierte Beratung durch die Klimaforschung kann ein effektiver Weg sein, den Hang der Politik zur Inkonsistenz zwischen Reden, Entscheiden und Handeln zu begrenzen. Dazu sollte der Stand der Forschung in einer Weise präsentiert werden, die es wahrscheinlicher macht, dass die Klimapolitik aus dem von ihr bereits akzeptierten Forschungsstand auch die entsprechenden praktischen Konsequenzen zieht.

 

Originalveröffentlichung:
Geden, O. (2018) Politically informed advice for climate action. Nature Geoscience, doi:10.1038/s41561-018-0143-3.

Kontakt:
Dr. Oliver Geden
Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Meteorologie
Tel.: 040 41173 370
E-Mail: oliver.geden@we dont want spammpimet.mpg.de