Trauerrede von Prof. Klaus Hasselmann

Trauerrede von Prof. Dr. Klaus Hasselmann
Trauerfeier für Dr. Ernst Maier-Reimer, 9. August 2013

Wir nehmen Abschied heute von einem der liebenswürdigsten und kreativsten Kollegen des Max-Planck-Instituts für Meteorologie, und der Hamburger Meeres- und Klimaforschung. Ernst Maier-Reimer war eine tragende Säule der Forschung des Max-Planck-Instituts für 35 Jahre, und noch länger für die Hamburger Meeres- und Klimaforschung. Ich will mich aber hier beschränken auf meine Zusammenarbeit mit Ernst in der Zeit als ich Direktor am Max-Planck-Institut war. Anschließend wird dann Jürgen Sündermann, der Ernst noch besser kennt aus der Zeit, bevor er zum MPI-M kam, einige Worte sagen.

Ernst hinterlässt ein eindrucksvolles Werk - und eine schmerzliche Lücke. Sicherlich ist die Trauer um Ernst aber noch viel tiefer bei seiner Familie und seinem privaten Freundeskreis. Ich möchte hier im Namen meiner Kollegen Ihnen mein aufrichtiges Mitgefühl und tiefes Beileid aussprechen. Zugleich möchte ich Ihnen aber auch einen Eindruck der einzigartigen Bereicherung vermitteln, die wir durch die fruchtbaren Jahre der Zusammenarbeit mit Ernst erfahren durften.

Ernst nahm meine Einladung, die Ozeanmodellierung an unserem Institut aufzubauen, im Jahre 1978 an, knapp drei Jahre nach der Institutsgründung. Neben der Modellierung der Atmosphäre, die von der Gruppe Fischer, Roeckner und später Bengtsson vorangebracht wurde, war dies damals die wichtigste zentrale Aufgabe des Instituts. Aber Ernst beschränkte sich nicht auf die Modellierung des globalen ozeanischen Strömungssystems, sondern griff schon bald die Frage des ozeanischen Kohlenstoffkreislaufs auf, und dann nach und nach die gesamte Ozeanchemie, einschließlich ihrer Wechselwirkung mit der Biologie und der Atmosphäre. Heute verfügt das Institut durch Ernsts Beiträge über eins der international anerkanntesten Modelle des globalen Klimas, mit einer hochrealistischen Darstellung des Ozeans. In seiner stillen aber äußerst kreativen Art, hat Ernst damals entscheidend dazu beigetragen, unser Institut in wenigen Jahren an die Vorderfront der internationalen Klimaforschung zu führen.

Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass Ernst das Max-Planck-Institut nicht nur entscheidend geformt, sondern indirekt mit kreiert hat. Denn dass die Max-Planck-Gesellschaft das Wagnis einging, ein für sie völlig neues Forschungsfeld in Hamburg auf zu greifen, resultierte nicht zuletzt aus der erfolgreichen wissenschaftlichen Zusammenarbeit der Hamburger Institute. Im größten deutschen Sonderforschungsbereich 94, Meeresforschung, hatte Ernst nämlich damals, in den frühen 70er Jahren, durch seine innovativen Modelle, in Zusammenarbeit mit Günther Radach, die Biologen, Chemiker und Physiker zu einer einzigartigen interdisziplinären Kooperation inspiriert. Diese hat dann unter anderem zum erfolgreichen internationalen Nordsee Projekt FLEX geführt - und bildete nebenbei auch später die Grundlage von Ernsts Kohlenstoffkreislaufmodell am MPI-M.

Aber ich will nicht lang über Ernsts wichtige wissenschaftliche Beiträge sprechen. Diese kann man nachlesen in der Laudatio zur Verleihung der Albert-Defant-Medaille der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft 2001 oder des Eduard Brückner-Preises 2003, sowie im Nachruf des Max-Planck-Instituts und in verschiedenen anderen Würdigungen. Heute möchte ich über Ernst als Mensch sprechen, er hat nämlich die kooperative Atmosphäre und den aufgeschlossenen Geist unseres Instituts und der Hamburger Klimaforschung entscheidend geprägt.

Ernst war kein Mensch der vielen Worte. In Ausschusssitzungen konnte er beharrlich schweigen, eine von vielen hoch geschätzte Tugend. Er hat ein mal einen wichtigen Gast, Wally Broecker vom Lamont Laboratory der Columbia University, vom Flughafen abgeholt, ohne ein einziges Wort zu sprechen - sehr zur Verwunderung von Wally Broecker, mit dem er aber dann in enger Freundschaft viele Jahre fruchtbar zusammen gearbeitet hat. Er hat immer das Rampenlicht gescheut. In der Liste seiner etwa 80 Publikationen findet man seinen Namen selten an erster Stelle, obwohl er sehr oft die entscheidenden Beiträge geliefert hat. Unter seinen Mitautoren findet man Namen von Kollegen, die inzwischen Professoren wurden in Kiel, Bremen, Bremerhaven, Bergen, Berlin, Edinburgh, Geesthacht und Oberpfaffenhofen, und wer weiß noch wo in der Welt, während Ernst ganz zufrieden war, weiterhin als Leiter der Max-Planck-Ozeanforschungsgruppe seinen originellen Forschungsideen weiter zu entwickeln und um zu setzen. Allerdings hat er sicherlich ganz richtig erkannt - genauso wie sein dankbarer Institutsleiter - dass er in dieser Position mit seinen außergewöhnlichen Gaben wesentlich einflussreicher und fruchtbarer war, als wenn er das einmalige Umfeld, das er in Hamburg geschaffen hat, verlassen hätte.

Aber auch ohne Lehrstuhl hat Ernst unzählige Studenten und Doktoranden gefördert. Durch seine Liebenswürdigkeit, Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft war Ernst bei unseren Studenten außerordentlich beliebt. Dabei entwickelte sich die Kommunikation besonders gut beim gemeinsamen Mittagessen, bei dem Ernst trotz seiner schlanken Figur durch einen erstaunlichen Appetit beeindruckte, sowie bei einem kühlen Bier nach Feierabend, das mit gleicher Freude genossen wurde.

Aber nicht nur Studenten suchten bei Ernst rat. Noch vor der Zeit des Wikipedia, war Ernst die Quelle des Allgemeinwissens im Institut, z.B., wenn meine Sekretärin, Frau Radmann, Zweifel an der deutschen Grammatik einer meiner Diktate hatte, oder wenn es um eine exotische numerische Integrationsmethode ging, oder auch um die griechische Mythologie, die sein Zimmer schmückte. Und als jemand beiläufig erwähnte, dass wir die Rolle des El Niño im Klimasystem näher untersuchen sollten, zog er ohne Kommentar ein bereits vollständig programmiertes Computermodell des El Niño aus seinem Schreibtisch.

Dass es in seinem Schreibtisch-Schubfach lag, war allerdings schon die Ausnahme. Sonst lagen die Grundlagen seines umfangreichen Wissens zerstreut im ganzen Zimmer, auf Stühlen, Tischen und dem Fußboden. Denn Ernsts Gehirn war anders organisiert als bei weniger begabten Menschen. Was bei anderen ein Chaos wäre, war bei Ernst ein hervorragend geordnetes System. Fragte man z.B. Ernst nach einem wissenschaftlichen Sonderdruck, so zögerte er einen Moment, und fischte es dann mit unbeirrbarer Sicherheit aus irgendeinem Papierstoß in einer Ecke seines Zimmers.

Aus diesen wenigen Impressionen habe ich versucht zu verdeutlichen, dass Ernst für viele von uns ein Mensch war, den wir bewundert und geliebt haben, aber irgendwie nie ganz begreifen konnten. Er lag außerhalb unserer Lebenserfahrung. Wie konnte ein Wissenschaftler, in unserer heutigen Welt des "publish or perish", so begabt und so selbstlos sein - nur von der Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis getrieben, stets aufgeschlossen für die Kommunikation mit seinen Kollegen und Studenten, ohne nach eigenem Ruhm und äußerer Anerkennung zu streben? Dass es solche Menschen - oder wenigsten einen solchen Menschen - doch gegeben hat, und dass wir das Privileg und das Glück hatten, für gut vier Jahrzehnte mit Ernst Maier-Reimer zusammen zu arbeiten, war ein Geschenk, für das wir für immer dankbar sein werden.

Prof. Dr. Klaus Hasselmann